Vom Label zum Menschen: Autismus-Diagnostik im Wandel – und warum Österreich dabei etwas langsamer tickt
Wenn man heute in einer Wiener Praxis oder in einem Grazer Krankenhaus mit Fachleuten über Autismus spricht, hört man oft zwei Sprachen gleichzeitig. Da ist zum einen der moderne Begriff der Autismus-Spektrum-Störung, der international längst Standard ist. Und da ist zum anderen noch immer der vertraute Code F84.5 für das Asperger-Syndrom, der in vielen österreichischen Arztbriefen steht. Dieser Spagat ist kein Zufall. Er erzählt eine Geschichte über wissenschaftlichen Fortschritt – und über die besondere Art, wie Österreich mit Veränderungen umgeht.
Seit 2022 gilt die ICD-11 weltweit. Österreich hat diese Einführung zwar prinzipiell mitgetragen, doch in der Praxis merkt man davon noch wenig. Während andere Länder die neuen Kriterien bereits flächendeckend anwenden, hinkt Österreich der internationalen Entwicklung um fast fünf Jahre hinterher. Der Grund? Eine Mischung aus bürokratischer Gründlichkeit und der Herausforderung, ein komplexes medizinisches Klassifikationssystem nicht nur zu übersetzen, sondern auch in die gewachsenen Strukturen des heimischen Gesundheitssystems zu integrieren.
Warum die Welt wartet, und Österreich noch sortiert
Die ICD-10 mit ihren klaren Schubladen – frühkindlicher Autismus (F84.0), atypischer Autismus (F84.1), Asperger-Syndrom (F84.5) – ist in Österreich noch immer das Rückgrat der offiziellen Dokumentation. Besonders im stationären Bereich, wo das Leistungskalkulations- und Finanzierungssystem (LKF) auf ICD-10-Codes angewiesen ist, dauert die Umstellung länger. Denn hier geht es nicht nur um neue Diagnosenamen, sondern um Abrechnungslogik, Statistik und jahrelang gewachsene Prozesse.
Gleichzeitig arbeiten Fachpersonen im ambulanten Bereich, in universitären Ambulanzen oder in der Forschung oft bereits mit dem Gedankengut der ICD-11. Sie wissen: Die alte Einteilung bildet die Realität vieler Betroffener nicht mehr ab. Wo früher scharfe Grenzen gezogen wurden, zeigt die Forschung heute ein fließendes Spektrum. Und genau hier entsteht eine spannende Zwischenphase: Österreich diagnostiziert gewissermaßen mit einem Fuß in der Zukunft, während der andere noch im bewährten System steht.
Was sich inhaltlich tut – auch wenn die Codes noch hinken
Unabhängig von der bürokratischen Umsetzung hat sich das fachliche Verständnis von Autismus grundlegend gewandelt. Die neuen Kriterien, wie sie die ICD-11 vorsieht, bündeln das Wesentliche auf zwei Säulen:
- Anhaltende Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion – sichtbar etwa im Blickkontakt, im gegenseitigen Austausch von Interessen oder im Aufbau von Beziehungen.
- Eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten – und hier endlich explizit dabei: sensorische Besonderheiten. Die Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, die Unterempfindlichkeit bei Schmerz, das Bedürfnis nach bestimmten Texturen – Aspekte, die für viele autistische Menschen den Alltag prägen, finden nun offiziell Anerkennung.
Diese inhaltliche Weiterentwicklung wirkt sich bereits jetzt aus, selbst wenn der offizielle Code noch der alte ist. Eine Diagnostikerin in Salzburg kann heute bereits beschreiben: Autismus-Spektrum-Störung ohne Beeinträchtigung der intellektuellen Entwicklung, mit eingeschränkter funktionaler Sprache – auch wenn sie für die Abrechnung vielleicht noch F84.5 angibt. Diese Differenzierung hilft, Unterstützungsbedarf genauer zu erfassen, sei es beim Behindertenpass, bei der Arbeitsassistenz oder in der Therapieplanung.
Ein weiterer Fortschritt, der in Österreich besonders relevant ist: Die ICD-11 erlaubt explizit die Doppeldiagnose von Autismus und ADHS. In der alten Systematik schlossen sich die beiden Diagnosen teilweise gegenseitig aus – ein Problem, das gerade bei Erwachsenen mit komplexen Symptombildern zu langen Warteschleifen führte. In einem Land, wo die Versorgung neurodiverser Menschen ohnehin regional unterschiedlich ausgebaut ist, kann diese Klarheit den Zugang zu passender Unterstützung erleichtern.
| Aspekt | ICD-10 | ICD-11 |
|---|---|---|
| Diagnosebezeichnung | Mehrere Subtypen | Autismus-Spektrum-Störung |
| Asperger-Syndrom | Eigene Diagnose (F84.5) | Integriert in ASS mit Spezifizierern |
| Sensorische Symptome | Nicht explizit genannt | Explizit als Kriterium enthalten |
| Sprachanforderung | Verzögerung oft erforderlich | Fokus auf aktuelle funktionale Sprache |
| Altersbezug | Stark auf frühe Kindheit fokussiert | Beginn in Entwicklungsphase, Manifestation auch später möglich |
Die Kehrseite der Langsamkeit: Verunsicherung und Ungleichheit
Doch die verzögerte Umsetzung hat auch ihre Schattenseiten. Nicht alle Fachpersonen sind mit den Neuerungen gleichermaßen vertraut. Während Spezialzentren in Wien oder Innsbruck oft schon nach modernen Kriterien arbeiten, kann es in ländlichen Regionen oder bei Behörden noch zu Rückfragen kommen, wenn eine Diagnose nicht ins gewohnte Schema passt.
Betroffene berichten mitunter von einem Gefühl des „Dazwischenseins“: Die Diagnose, die sie erhalten, fühlt sich passend an – doch auf dem Papier steht noch der alte Code. Oder sie erleben, dass unterschiedliche Stellen unterschiedliche Erwartungen haben: Die Therapeutin arbeitet spektrumsorientiert, das Amt verlangt aber eine klassische ICD-10-Klassifikation. Diese Inkonsistenzen kosten Kraft – Kraft, die besser in die Bewältigung des Alltags fließen könnte.
Was das konkret für Sie bedeutet, wenn Sie in Österreich leben
- Bestehende Diagnosen bleiben gültig. Eine nach ICD-10 gestellte Diagnose verliert nicht ihren Wert. Niemand muss seine Diagnose „ummelden“ oder neu beantragen.
- Neue Diagnostik kann bereits ICD-11-Elemente enthalten. Fachpersonen dürfen und sollen nach bestem Wissen diagnostizieren. Das kann bedeuten, dass Sie eine Beschreibung erhalten, die sich an den neuen Kriterien orientiert – auch wenn der Code vorerst noch der alte ist.
- Sensorische Besonderheiten werden ernst genommen. Auch ohne formelle ICD-11-Umstellung erkennen immer mehr Fachpersonen sensorische Aspekte als relevant an. Scheuen Sie sich nicht, diese in der Diagnostik anzusprechen.
- Erwachsenendiagnostik wird zugänglicher. Die neue Systematik erleichtert die Diagnosestellung auch im Erwachsenenalter, ohne dass zwingend detaillierte Berichte aus der frühen Kindheit vorliegen müssen. Ein wichtiger Schritt gerade für Frauen oder spät diagnostizierte Personen.
- Geduld und Kommunikation sind gefragt. Da die Umsetzung in der Fläche Zeit braucht, kann es hilfreich sein, im Gespräch mit Ärzt:innen, Therapeut:innen oder Behörden aktiv nachzufragen: „Nach welchen Kriterien wurde diagnostiziert?“ oder „Wie wird diese Diagnose in meinem konkreten Fall angewendet?“
Ein realistischer Blick nach vorn
Die Umstellung auf ICD-11 ist in Österreich kein Sprint, sondern ein Marathon mit Hindernissen. Die Verzögerung durch Bürokratie und Übersetzungsarbeit ist frustrierend – besonders für jene, die auf aktuelle Diagnostik angewiesen sind. Gleichzeitig zeigt der österreichische Weg auch eine gewisse Sorgfalt: Man möchte nichts überstürzen, was in der Praxis nicht tragfähig ist.
Am Ende zählt nicht der Code im Diagnoseschlüssel. Sondern die Frage: Welche Hilfen braucht dieser Mensch, um sein Leben so zu leben, wie er es möchte? Die ICD-11 liefert dafür bessere Werkzeuge. Die Verantwortung, sie sinnvoll einzusetzen – auch in einer Übergangsphase –, liegt bei uns allen: bei Fachpersonen, die sich fortbilden; bei Behörden, die flexibel bleiben; bei der Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern als selbstverständlichen Teil menschlichen Miteinanders begreift.
Und vielleicht ist genau das die Lehre aus der österreichischen Verzögerung: Veränderung braucht nicht nur neue Regeln. Sie braucht auch Zeit, Geduld und den Mut, im Übergang trotzdem das Richtige zu tun – für die Menschen, auf die es ankommt.
Quellen:
https://www.nature.com/articles/s41380-023-02354-y
https://www.medmedia.at/aerzte-krone/autismus-spektrum-stoerungen-herausforderungen-und-diagnostik
https://www.praxis-für-psychotherapie.com/autismus-spektrum-im-icd-11-die-wichtigsten-neuerungen